Home Office, mobile Technologien, flache Hierarchien, offene und flexible Bürolösungen … die Wurzeln stammen dazu wirklich aus den 70ern. Bis heute beschäftigen wir uns doch alle mit der Optimierung unserer Arbeit und Arbeitsplätze, denn sie schaffen für uns Freiheiten. Freiheiten, die wir inzwischen nicht mehr missen möchten. Unser kreatives wie auch operatives Arbeiten wird durch diese Lösungen gefördert, sogar unsere Leidenschaft dadurch gestützt. 

Wieso steckt New Work zu großen Teilen dahinter und was hat das mit den Ansätzen zu tun? Einerseits verliert die industrielle 40-Stunden Woche an Bedeutung. New Work ist das Schlagwort, welches hinter den schönen und produktiven Lösungen steckt. Als Bewegung ist sie dabei, unsere Arbeitswelt nachhaltig zu beeinflussen. Auf der New Work Experience 2018 sind sich Keynote Speaker wie Götz W. Werner oder Prof. Richard David Precht einig, dass das industrielle Arbeitsmodell ausgedient hat.

Laut dem Zukunftsinstitut, einem einflussreichen Think Tank der europäischen Trend- und Zukunftsforschung, ist die Richtung New Work ein Megatrend, der sich noch in den Anfängen einer ganzheitlichen Umsetzung befindet. Wir haben uns gefragt, wie das neue Arbeiten entstanden ist und welche alternativen Ansätze, wie z.B. Bio Leadership, heutzutage existieren. Nachdem wir uns inspirierende Beispiele angeschaut haben, geben wir Prof. Dr. Frithjof Bergmann das Wort, dem Denker hinter der New Work Bewegung.

 

Die Realität von New Work

Laut dem Kienbaum New Work Pulse Check 2017 steht New Work bei 74 % der Unternehmen auf der Agenda, bei 63 % gibt es bereits Initiativen, New Work zu etablieren. Mit Sicherheit haben sich einige schon die Finger verbrannt, aber das gehört zum Lernen dazu. Und es ist auch gut so, dass wir Fehler begehen. Denn dadurch können wir die Schwächen und Stärken des New Works besser verstehen und auch optimierten Ansätzen Platz geben.

Natürlich ist New Work eine Utopie. Dass es ein langfristiger Prozess sein wird, der begleitet werden muss, ist daher eindeutig.

Zwei reale Beispiele, bei der neue Ansätze des Arbeitens konstruiert werden, um der Botschaft Kraft zu verleihen:

IBM

IBM beschäftigt sich mit dem Konzept “Cognitive Ways to work”. Neben der inspirierenden Wohlfühl-Location sollen uns kognitive Systeme helfen, unstrukturierte Daten schneller zu verarbeiten, um sie auch schneller nutzen zu können. “In einer zunehmend fließenden Arbeitswelt gibt es eine Sehnsucht nach Orten der Geborgenheit, an denen man sich austauschen, gemeinsam arbeiten oder lernen kann,” so Michael O. Schmutzer, CEO und Gründer von Design Offices, der mit Stefan Pfeiffer von IBM das Thema New Work im Unternehmen voranbringen und etablieren will.

Das Ergebnis ist die “Watson Work Lounge” auf der re:publica 2017 gewesen. Die neue Arbeitswelt, die von Design Offices als Kooperationspartner gestaltet wurde, war kombiniert mit IBM Technologien wie Watson Work und Watson Talent.

 

Bio Leadership

Das zweite Beispiel ist Bio Leadership, welches wohlgemerkt keine Wurzeln in der New Work Welt besitzt.Die Natur dient als Vorbild, wie z.B. Ökosysteme, die sich im Gleichgewicht befinden und mit Kooperationen arbeiten.

Es soll als Antwort auf drei folgende Trends dienen:

  • Die Suche nach dem Sinn (ähnlich dem Ansatz, herauszufinden, was man wirklich will)
  • Das Bedürfnis, globale Herausforderungen und Möglichkeiten durch smartere, mehr zusammenhängende Weg anzusprechen
  • Das kritische Bedürfnis, unsere Systeme zu schützen und wieder herzustellen

 

In der VUCA Welt (Volatil, Uncertain, Complex und Ambiguous) ist es wichtig, seinen Körper, Geist und Verstand zu verstehen. Um mit der transformativen Kraft zu gehen, verlangt es ein entsprechendes Mindset und System. Hier greift Bio Leadership an und führt uns wieder zurück in der Natur. Es zeigt uns auch bewusstere Formen des Miteinanders. Die Ansätze sind als Alternativen zu den bisherigen Arbeitsweisen. Wir bewegen uns weg von …

… starren Hierarchien zu Ökosystemen, die miteinander verbunden sind,

… Macht sowie Kontrolle zu offenen, experimentellen Systemen,

… der Maximierung hin zur Optimierung, sprich das Beibehalten eines Gleichgewichts und

… hin zu einem Miteinander.

Methoden sind bspw.  eine 1-minütige Pause vor jedem Meeting, in der alle die Möglichkeit haben, innezuhalten und sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Wer daran interessiert ist, sich mehr mit dem Thema zu befassen, kann sich auf der Seite von Bela Voda erkundigen. Die Akademie, idyllisch gelegen unter einem Vulkan in Slowenien, gibt Workshops mit Pionieren des Bio Leaderships und in Kooperation mit dem Amani Institute. Allein schon um sich eine neue Perspektive einzuholen lohnt sich der Blick auf die Website.

 

Ursprünge aus den 70ern

 Wie alles anfing …

In den späten 70er Jahren war in Flint, einer Hochburg der amerikanischen Automobilindustrie, die Automatisierung greifbar. Die Mitarbeiter fürchteten durch neue Computertechnik um ihre Plätze.

Prof. Frithjof und seine Kollegen rieten den Automobilherstellern, keine Massenentlassung durchzuführen, sondern machten ihnen einen Vorschlag: Die Mitarbeiter sollten sechs Monate im Jahr arbeiten und in den anderen sechs Monaten von dem Zentrum für New Work unterstützt werden. Sie bekamen ein über 12 Monate gestrecktes Grundeinkommen, dass auf dem halben Jahr Arbeit basierte.

In den arbeitsfreien Monaten haben die Forscher die Arbeitnehmer dabei unterstützt, zu finden, “was sie wirklich, wirklich wollen”, so Prof. Bergmann. Sowohl die Entscheider wie auch Mitarbeiter waren ziemlich verblüfft. Beispielsweise nach 25 Jahren Fließbandarbeit zu wissen, was man wirklich will, war einfach zu naiv.

Darauf warteten nur Bergmann und seine Kollegen. “Man muss nicht 25 Jahre am Fließband gearbeitet haben, um nicht zu wissen, was man wirklich, wirklich will”, war dabei die Aussage des  Professors.

Das war ein Fall der von ihm begründeten “Armut der Begierde”. Dass der Mensch nicht mit großer Kraft und Überzeugung weiß, was er  wirklich will .

Nach den ersten Wochen der Gespräche kristallisierte sich die Sinnfrage heraus. Worauf es bei den Mitarbeitern ankam, war, etwas zu tun, wofür  sie sich nicht schämen müssen. Zum Teil brachen sie in Tränen aus, da viele nie von Familie, Freunden oder Vorgesetzten gefragt wurden, was sie wirklich wollen. Eine emotionale Phase, mit der Bergmann gerechnet hat, aber nicht die Arbeiter und Arbeitgeber selber.

Leider führte er in seiner Rede auf der New Work Experience 2017 nicht aus, welche Ergebnisse dadurch entstanden.

Welcher Sinn eigentlich dahinter steckt …

Das System, das New Work versucht zu reformieren.

Die grundlegende Idee, die Leute in der Findungsphase ihres “was sie wirklich, wirklich wollen” zu unterstützen, besitzt ein Ziel: Das Jobsystem zu reformieren und eine Antwort auf die Sinnfrage zu finden.

Wir müssen bedenken, dass das System aus der Industrialisierung stammt und gerade mal 200 Jahre alt ist (historisch gesehen ja sehr wenig).

In den Anfängen wurde es auch von Thomas Jefferson und Charles Dickens kritisch betrachtet.

Bergmann ist überzeugt, dass es die Menschen verkümmern lässt. Fast schon wie eine milde Krankheit. Wir halten “Jobarbeit” meistens aus,

New Work ist dementsprechend eine Polarität, ein Versuch, Menschen dabei zu helfen, ihre Tätigkeit, die sie wirklich wollen, als Einkommensquelle zu etablieren. Die einfache Intention von Bergmann und seinen Kollegen dahinter: “To make a difference”. Fast schon ein Marketingvorreiter zu Apples Kampagne “Think different”.

Im ersten Moment klingt es egoistisch, nur das zu machen, was einen offensichtlich selber erfüllt. Bergmann widerspricht dem. Für die Menschen, die im Zentrum des New Works sich helfen ließen, war es wichtig, etwas zu tun, wofür sie sich nicht schämen wollen. Eine Wiederholung.

Jetzt wird es noch krasser. “Arbeit tötet und Arbeit gibt auch Leben,” so Bergmann. “Arbeit ist nicht immer edel, sondern sehr viele Leute sterben von der Arbeit.”

Er meint, dass diese Leute nie wirklich leben. Sondern ihre milde Krankheit aushalten. Und Leben geben, ist jemanden, der nicht wirklich lebt lebendig zu machen. Das wirklich leben ist seiner Definition nach etwas anderes.

Das unterstreicht er mit einem Zitat von Samuel Beckett: “Tod genug, um begraben zu werden.” Das Begräbnis ist nur der letze Klumpen Erde, der auf den Sarg fällt.

Wieso Kooperation strategisch wertvoll ist …

Dazu ein kurzer Ausflug. Robert Axelrod lud Experten – Spieltheoretiker aus den Bereichen Psychologie, Evolutionsbiologie und Ökonomie – ein, um Computerprogramme für ein Gefangenendilemma-Turnier einzusenden.

“Jedes Programm sollte die Geschichte der bisherigen Interaktion zur Verfügung haben und konnte ihre Kenntnis für die Entscheidung verwenden, beim nächsten Zug zu kooperieren oder Zusammenarbeit abzulehnen,” so Axelrod.

Das Ergebnis, das aus dem gegeneinander Antreten der vierzehn eingesendeten Programmen und einer Zufallsregel resultierte, war verblüffend. Es gewann TIT FOR TAT, das einfachste aller eingereichten Programme. Das ist eine simple Strategie, mit der Aufgabe Kooperation zu gewinnen und danach das Gleiche zu tun, was der andere Spieler beim vorherigen Zug getan hat.

Die zweite Runde wurde mit 62 eingereichten Programmen (darunter auch Computer-Liebhaber, die programmiert haben) durchgeführt. Die TIT FOR TAT Strategie wurde bei einigen weiter optimiert. Es gewann wieder die gleiche, simple Strategie wie in der ersten Runde.

Nach dieser Erkenntnis kam bei Axelrod die Frage auf: Wie entsteht Kooperation unter Egoisten, ohne dass eine zentrale Herrschaftsgewalt eingreift?

Es ist zu betonen, dass es hier sich um einen strategischen Ansatz und nicht um einen genetischen handelt. Und nicht zu vergessen, dass hier die Bedingungen eines iterativen Gefangenendilemmas vorliegen: Allen Spielern liegen die gleichen Ressourcen vor und die Spieler wissen nichts voneinander. Zwar erscheint das weltfremd, aber es existieren reale Mehrrunden-Gefangenendilemmas, bei denen eine Gruppe an Personen die Wahl hat, eine gemeinsame Ressource zum maximalen Eigennutz auszubeuten.

Das Ergebnis zahlreicher weiterer Studien ist, dass die Kooperation in der menschlichen Evolution mehr beigetragen hat wie das gegenseitige Bekämpfen. Damit will Bergmann nur aufzeigen, dass wir auch das umsetzen sollten, was wir bereits wissen. Die Menschheit also soweit zu verändern, dass sie zu uns und unseren Wertvorstellungen passt.

 

Was zu betonen ist, ist dass Bergmann den Sinn von Arbeit für menschliche Existenz in den Vordergrund stellt. Er beschreibt das Schwinden industriegesellschaftlicher Erwerbbsarbeit und die Zentren für Neue Arbeit  als Lösung, Menschen bei Ihrer Sinnsuche zu unterstützen. Den Menschen zu zeigen, die es ohne Hilfe nicht schaffen, das zu finden. Das Denken, “der Autor seines eigenen Lebens zu sein”, auf die Arbeit zu übertragen.

Bei uns selber anzufangen heißt für ihn, Selbstreflektion zu üben. Wir sollen uns fragen, was uns in der letzten Woche Vergnügen bereitet hat. Hartnäckig sein, um mindestens eine Sache zu finden, die uns überraschend eine unerwartete Freude gegeben hat.

Sein Abschlusswort auf der Konferenz:  “Der Grundgedanke [ist], dass Menschen gestärkt werden sollen. […]  Eine Gesellschaft in der alles alles stärkt, vom Kindergartenalter an […]. Das ist was wir brauchen.”

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